
Fes in Marokko zu betreten, gleicht einer Reise durch die Zeit. Zwischen den labyrinthartigen Gassen der Medina gibt es einen Ort, dessen Anblick und Geruch einen unwiderstehlich anziehen: die Chouara-Gerberei. Als Fotograf war es mein Ziel, die Seele dieses uralten Handwerks einzufangen, das sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat.
Dieses Schwarz-Weiß-Bild ist mein Versuch, die Essenz der Gerberei zu destillieren. Von meinem erhöhten Standpunkt aus entfaltet sich das schiere Ausmaß des Betriebs: unzählige runde und rechteckige Bottiche, gefüllt mit den (nun monochromen) Flüssigkeiten, die zur Lederverarbeitung dienen. Arbeiter bewegen sich geschäftig zwischen ihnen, gebückt über ihre mühsame Arbeit, die sich seit Generationen wiederholt. Die umliegenden Gebäude mit ihren altertümlichen Fassaden und Dächern, geschmückt mit trocknenden Tierhäuten, vervollständigen ein Panorama des unermüdlichen Schaffens.
Die Atmosphäre dort ist unvergleichlich. Selbst aus der Distanz trug die Luft den durchdringenden, unvergesslichen Geruch der Gerb- und Färbemittel – ein Duft, der von rohen Materialien erzählt, die durch Menschenhand verwandelt werden. Es war eine Sinfonie der Arbeit: das Platschen des Wassers, das Knarren der Häute, das leise Gemurmel. Was mich am meisten beeindruckte, war die Zeitlosigkeit; es fühlte sich weniger wie eine Momentaufnahme der Gegenwart an, sondern vielmehr wie ein Fenster in eine unveränderliche Vergangenheit, ein lebendiges Museum menschlicher Anstrengung.
Ich navigierte durch enge Gassen, geführt von den hartnäckigen Einladungen der Ladenbesitzer, die Dachterrassen mit spektakulärem Blick anboten – und natürlich die Gelegenheit, ihre Lederwaren zu kaufen. Von einer dieser erhöhten Terrassen präsentierte sich der perfekte Blickwinkel. Die Herausforderung bestand darin, die Immensität der Szene einzufangen und gleichzeitig das individuelle menschliche Element hervorzuheben. Ich wartete auf Momente authentischer Interaktion, darauf, dass das Licht genau richtig fiel, und darauf, dass sich die Muster der Bottiche harmonisch anordneten, um die rohe Authentizität dieses Ortes zu vermitteln. Die Entscheidung für Schwarz-Weiß war bewusst; sie eliminierte Ablenkungen und betonte Textur, Form und die unverblümte Realität der Arbeit.
Dieses Foto ist mehr als nur ein Bild einer Gerberei; es ist ein Zeugnis von Widerstandsfähigkeit, Tradition und dem unvergänglichen Geist des Handwerks. Es erinnert mich daran, dass einige der tiefgründigsten Geschichten in den alltäglichen, oft übersehenen Ecken der Welt zu finden sind, die darauf warten, durch die Linse gesehen, gefühlt und festgehalten zu werden.
